März 11th, 2009
Herr Tauss hat sich mit einer detaillierten Erklärung an die Öffentlichkeit gewandet. Ich möchte diese nicht zusammenfassen, dass tut bspw. Golem.de ganz gut und die Diskussion läuft darüber im lawblog.
Ich möchte ein viel wichtigeres Problem deutlich machen.
Völlig unabhängig davon, ob das was Herr Tauss sagt stimmt oder nicht, ist die ganz bittere Pille die, dass es stimmen könnte.
Uns wird erzählt es gäbe schrecklich viel KiPo im Internet die gesperrt werden müsste, und um das zu untermalen, ist man sich natürlich nicht zu Schade dafür, Bilder von vergewaltigten Kindern auf einer Pressekonferenz zu zeigen!
Fast jeder mit dem ich über dieses Thema diskutiere und ihm sage
Hey, ihr findet im Internet nicht so einfach KiPo, und im WWW schon gar nicht, probier es aus!
der sagt mir:
Ich bin doch nicht doof und suche im Netz nach KiPo!
Und ich kann es verstehen, nicht auszuschließen, dass es einem wie Herrn Tauss ergeht.
Damit ist eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema entweder nur auf der Basis der Behauptungen von BKA & Co möglich, oder man recherchiert selber mit dem genannten Risiko.
Tut man das, verfügt man über Wissen das man nicht haben dürfte und kann daher auch nichts sagen, höchstens anonym. Da gibt es bald, geht es nach Frau von der Leyen, geheime Sperrlisten deren Veröffentlichung strafbar sein soll. Lediglich für einzelne URLs soll man beim Staat anfragen können, ob und warum sie gesperrt sind. Werd ich tun, wenn ich meine bürgerliche Existenz beenden möchte.
Und schaffen die Sperrlisten es dann doch auf Wikileaks, darf man nicht einmal überprüfen, ob sie wirklich zu 99% legale Inhalte enthalten. Ja, man darf nicht einmal auf ein Blog verlinken welches auf die Sperrliste verlinkt, ansonsten hat man fluchs die Polizei im Hause.
Wenn der Kinderschutzverein CareChild beweisen will, dass Internetfilter überflüssig sind, indem es einfach mal TakeDown-Notices an Hoster in aller Welt verschickt (und das mit beeindruckendem Erfolg), müssen sie dafür technische Klimmzüge nehmen, nur um nicht in den Verdacht zu kommen, selber KiPo zu betrachten.
Die Hexenjagd auf “Pädophile” hat solche Ausmaße erreicht, dass alles, was nicht auf Linie ist, es extrem schwer hat zu überleben. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist hier das ScusiBlog mit einem Insider-Einblick in die Szene, der natürlich prompt wegzensiert wurde.
Immerhin gibt es den sehr interessanten Text noch auf Wikileaks. Oder man wird sogar abgestochen, weil irgendeiner, scharf gemacht durch die Medienhetze, meint, er müsse selbst Hand an legen.
Und richtig pervers wird es, sobald man sich klar macht, dass das Betrachten von KiPo überhaupt nicht strafbar ist. Ich habe ein bisschen Erfahrung damit, wie Zensur in Ländern wie Syrien, China usw. funktioniert. Das sind gar nicht so sehr konkrete Gesetze und Regeln, was verboten ist. Nein, das ist alles sehr sehr vage. Die Zensur findet im Kopf statt, die Angst man könnte etwas Verbotenes tun hält einen von möglichst vielen Dingen ab.
Ein ganz plastisches Beispiel wie man diese Angst aufbaut und am Leben erhält ist baidu.com, die größte chinesische Suchmaschine. Ruf sie mal auf und suche dort nach Falun Gong. Soviel vorweg: Nein, dein Internetzugang ist nicht schuld.
Genauso verhält es sich inzwischen in der westlichen Welt, wenn das Wort KiPo in den Mund genommen wird, man muss jedes Wort dreimal wenden, will man nicht das nächste Opfer sein. Das ist beängstigend! Und es verhindert nicht nur höchst effizient, dass der Bürger seine wichtigste Aufgabe in einer Demokratie wahrnehmen kann, nämlich die Kontrolle der poltischen Macht -
Nein, dass Herr Tauss’ Geschichte wahr sein könnte beweist eine Trägödie viel erheblicheren Ausmaßes: Wir sind inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem ein Abgeordneter vielleicht juristisch, in jedem Fall aber faktisch seine Karriere und sein persönliches Ansehen aufs Spiel setzt, wenn er versucht sich selbstständig über Dinge zu informieren, über die er entscheiden soll.
Doch nur zu: Burn the witch!
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