Blut, Mut, Feigheit

Oktober 17th, 2009 | by Lawlita |

Otto Depenheuer, der Gute-Nacht-Lektüren-Autor Wolfgang Schäubles spricht vom Bürgeropfer, vom wehrhaften Staat.

So entwirft er das blutig-erotische Bild eines Staates und einer Gesellschaft, deren einzelne Mitglieder bereit sind, sich für etwas Größeres zu opfern; ein Projekt, das über jede einzelne Person hinausgeht und es ermöglicht, sich gleichsam im Opfer über die eigene Begrenztheit hinaus unsterblich zu machen: Für die deutsche Gesellschaft, den deutschen Staat, die kollektiv-nationale Blutsbrüderschaft und deren Kampf gegen den Feind im schmittschen Sinne.

Doch ist diese Darstellung tatsächlich ein Spiegelbild, eine Projektion seiner Schöpfer, oder eher ein feuchter Traum von der Faszination am Ausnahmezustand?

Mit heroischen Taten wie den Gezeichneten verbindet sich notwendig die Vorstellung von patriotischem Mut und überindividueller Verantwortung. Doch steht Mut seinem Bruder Feigheit oft zu nahe, als das wir sie noch sicher trennen könnten.

Es ist kein Mut, durch den Abschuss von Passagiermaschinen anderer Menschen Blut zu opfern, um eine mutmaßliche Bedrohung des eigenen Lebens abzuwehren.
Wir würden es einem Menschen nicht vorwerfen, wenn er so handelte, weil er ein Mensch ist. Doch wir würden ihn nicht mutig nennen und wir würden ihn nicht freisprechen. Er würde den Rest seines Lebens an seiner Schuld tragen, die ihm niemand abnehmen, vergeben oder gar rechtfertigen kann. Dieser Mensch wäre das demutsvolle Eingeständnis, dass man nicht in allen Situationen des Lebens frei von Schuld bleiben kann. Eine Schuld die sich umso schwerer trägt, als sie nicht juristischen, sondern moralisch-ethischen Ursprunges wäre.

Doch wenn Wolfgang Schäuble, Otto Depenheuer und alle anderen geistigen Kinder des schmittschen “wehrhaften Staates” das Opfer heroisieren, verschwindet diese Schuld, und dahinter steckt Kalkül: Ein wehrhafter Staat der seinen Bürgern misstraut, sie kontrolliert und in jedem Einzelnen den potentiellen Feind sieht, wird, durch die eigene Machtfülle bis zur Ekstase berauscht, letztlich die Unterscheidung zwischen Feind, potentiellem Feind und Unbeteiligtem aufgeben.
Die Rechtfertigung für diese Schuld ist der Mythus vom Opfer, der den Staat von jedem Vorwurf entbindet: Ob Feind oder sich aufopfernder Bürger ist gleichgültig. Jeder Tropfen Blut ist gleichermaßen heilig, keiner wird zu Unrecht vergossen.

Wer mit Ticking-Bomb-Szenarien Ängste schürt, die der Fiktion näher als der Realität stehen, findet in der autosuggestiven Selbstinszenierung als über den Regeln stehender, gottgleicher Retter der bedrohten Schafe mindestens eine Bestätigung seines Egos, wenn sich nicht sogar bei freudschen Betrachtung Motivation und Befriedigung in sexuell-perverse Sphären des Unterbewusstseins zurückverfolgen lässt.

Doch zurück zum Mut und dessen großem Bruder:

Feigheit ist

ein habitueller Zustand des Gemüts, in welchem sich der Mensch vor Gefahren oder Schmerzen in dem Grad scheut, daß dadurch einesteils seine Freiheit und Thatkraft gelähmt, andernteils sein Gefühl für Ehre und Schande abgestumpft wird

, ließ sich schon 1894 im Brockhaus nachlesen. Eine Defintion, an der sich nichts geändert hat.

Es ist eine Farce ohnegleichen, auf dem Papier im polizeilich gesicherten Kämmerlein fremde Leben, fremde Rechte und fremde Freiheiten mit einem Federstrich zu opfern und dabei von Wehrhaftigkeit, Mut und Verantwortung sprechen.
Denn mutig mag es sein, sich selbst zu opfern - doch von Mut zu sprechen, wenn man andere opfert, gleicht dem Verschenken des Eigentums Dritter: Es ist ein feiger Betrug der ganz besonders nieder ist, weil man sich durch ihn in ein besonders gutes und ehrenhaftes Licht zu rücken versucht.

Nicht minder feige sind aber auch wir als Gesellschaft, wenn Angst vor Gefahren unseren Atem zu rauben und unsere Stimme zu lähmen vermögen, so dass von unserem Aufschrei ob der geraubten Freiheit, Ehre und Perspektive nichts weiter bleibt, als ein stummer, schmerzhafter Kloß im Halse.

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