Die Freiheit des Hirsches
Januar 20th, 2006 | by Lawlita |Ich lasse sie hinter mir, ein paar Momente für mich, mein Innerstes - alleine - atme ein. Der Waldboden federt unter meinen Füßen, ich atme, höre das leise Schlagen eines Spechtes, atme, der Wind säuselt sein Lied streichelt meine Haut. Atmen - Aufatmen, sich der Freiheit ein Stück näher fühlen.
An meiner Lieblingskastanie mache ich halt, lehne mich gegen ihren kühlen, rauhen Stamm, messe mit meinen Augen wie schon so oft ihren Umfang und lasse die Gedanken wie Wolken durch meinen Kopf ziehen. Freiheit, Mensch-Sein, Verantwortung und Pflichten, vor denen ich gerade einen Moment geflohen bin. Bilder entstehen vor meinen Augen, Bilder ohne Bedeutung und Inhalt, Bilder die aus den tiefsten Tiefen meines Ichs emporsteigen.
Ein leises Knacken lässt mich aufschrecken, ich öffne die Augen. Ein großer Elch tritt langsam aus dem Gebüsch heraus, wendet seinen Blick zum Himmel und füllt seine Lungen mit Sauerstoff. Als ein Windstoß die Zweige auseinandertreibt, bricht die Sonne kurz durch das Blätterdach und die schräg einfallenden Lichtstrahlen umspielen das majestätisch gen Himmel gereckte Haupt.
Ich bleibe stehen, völlig unbewegt, möchte auf keinen Fall die Natur durch meine Gegenwart stören, während mir aus unerklärlichen Gründen Tränen in die Augen steigen. Ehrfürchtig bestaune ich eine Heiligkeit, die alles Menschengeschaffene in den Schatten stellt.
Der Elch kommt näher, ziellos aber stetig, knabbert hier und da an einem Trieb, durchwühlt den Boden, aus dessen Oberfläche heraus viele neue Bäumchen, Sträucher und andere Triebe einen Weg zum Licht suchen. Kreisend nähert er sich mir und meinem Baum, und mit einem Mal spüre ich Gewissheit durch meinen Körper fließen, weiß, dass er meine Anwesenheit längst bemerkt hat. Ein Geräusch durchfährt meinen Körper, ein verzweifeltes, liebendes und ehrliches Schluchzen, dass aus einem Punkt jenseits allem Fassbaren meines Ichs zu kommen scheint, als der Elch sich mir bis auf wenige Zentimeter nähert. Sein Kopf auf meinen Schultern; ich erwache aus meiner Starre und falle ihm um den Hals. „Lucifer“, schluchze ich. „Lucifer“, dann ist keine Zeit mehr zu sprechen, dann ist Zeit zum weinen, und ich hole nach, was ich seit meiner Kindheit nicht mehr weinen durfte. Eine Ewigkeit vergeht, vermutlich nur wenige Minuten, aber jedes Verständnis von Zeit beginnt sich aufzulösen, geht unwiderbringlich verloren, erlöst mich.
Ich spüre den warmen Körper des Tieres an mir, mache einen wohlgeübten Satz auf seinen Rücken, und klammere mich am Hals fest, als es anfängt zu laufen. Der Wald ist bald vorüber, nie erspähte Wiesen spritzen unter den Hufen des Elches zur Seite, schlagen Wellen, die umso größer werden, je weiter sie sich entfernen. Erholsame Kühle umgibt mein Gesicht, als ich in die Nachtluft eintauche. Bergiges Gebiet, fast schon ein Gebirge, beschienen von einem übergroßen roten Mond, dessen ganze Ausmaße sich hinter dem Gipfel jenes höchsten Berges erstrecken müssen, den wir gerade erklimmen.
Ein Fluss von Licht schwappt über den Gipfel, benetzt uns, durchtränkt uns, der Atem Lucifers wird eins mit meinem, sein Körper, mein Körper, ein Körper, meine Seele die seinige, und ich eins mit mir, lassen wir uns von einer Welle gleißenden Lichtes den Gipfel herabspülen auf die andere Seite von allem. Der Mond entpuppt sich als eine Sonne, überdimensional, eine reife Apfelsine, die ein tiefschwarzes Meer in morgendliche Farben taucht.
Ich lasse mich vom Rücken Lucifers gleiten, falle weich in pulvrigen, weißen, kühlen Sand, während die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne meinen nackten Körper wärmen. Eine seichte Brise streichelt meine Haut, und nach langer Zeit, erhebe ich mich, langsam, endlich lebend, spüre jedes Sandkorn, wie es sich von meiner Haut löst, spüre das Schlagen meines Herzens, spüre das strömen des Blutes in meinem Körper, überlebe, erlebe, lebe. “Danke“ flüstere ich, umarme Lucifer ein letztes Mal, und gehe dann ohne zurückzublicken, langsamen, ziellosen Schrittes entlang eines schmalen Grates, gebildet durch eine sanfte Berührung, einer fruchtbaren Vereinigung von endlosem, sanftmütig rauschenden Wasser und warm-wehenden Sand.
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