Die Netzwelt des Sebastian B.
November 23rd, 2006 | by Lawlita |ResistantX, unter diesem Pseudonym war er an vielen Orten registriert, nannte zwei Webseiten sein Eigentum. Doch im Internet geht ein seltsamer Schwund um.
In seinem Abschiedsbrief schrieb Sebastian (der im übrigen Bastian heißt):
Weil ich weiss das die Fascholizei meine Videos, Schulhefte, Tagebücher, einfach alles, nicht veröffentlichen will, habe ich das selbst in die Hand genommen.
Und er sollte Recht behalten. Nicht nur die “Gewaltvideos” verschwanden blitzschnell aus dem Internet. Die Polizei NRW (oder wer auch immer) leistete ganze Arbeit, und auch sein Abschiedsbrief sollte schnellstens verschwinden. Doch nicht nur der:
chemikalien.de kennt ResistantX. Ganze 16 Beiträge hat er dort geschrieben. Will man sich diese anschauen ist jedoch nur noch einer zu finden. Der Rest ist offenbar einer stillen Löschaktion zum Opfer gefallen, doch der gute Google-Cache kennt noch ihren Inhalt. Offenbar hatte S. sich unter anderem darüber informiert, aus welchen legal zu erwerbenden Stoffen sich eine Bombe bauen ließe.
B’s Websites, stay-different.de und taste-sport.de sind gesperrt. Doch auch hier kennt Google noch die Antwort. Auf seiner Website beschäftige S. sich mit Airsofts, er hatte offenbar einen eigenes Team gegründet.
Registriert war S. auch u.a. bei livejournal.com, ICQ, und anderen. Viele Beiträge sind jedoch nicht mehr zu finden, der Benutzer umbenannt, ganze Seiten wurden vorrübergehend “wegen Serverarbeiten” vom Netz genommen, um sie zu bereinigen.
Im German Gothic Board, Nachtwelten.de schreibt er (unter R_fuckin’_X) über seinen Namen:
Den Namen “ResistantX” habe ich mir 2003 oder 2004 zugelegt.
“ResistantX” ist gleichzusetzten mit “Vergänglichkeit”, da alles bis zu
einem bestimmten Punkt (X) standhaft ist, aber irgendwann
zusammenbricht.Vergänglichkeit ist meiner Meinung nach das beste was es auf dieser Welt gibt!
Auf Youtube.com veröffentlicht er ein Video über das Massaker an der Columbine High-School.
Aus Bastians Abschiedsbrief wurden im öffentlichen Diskurs im Wesentlichen zwei Sätze immer wieder zitiert:
Diese Rache wird so brutal und rücksichtslos ausgeführt werden, dass
euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch
einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst![…]
Ein Grossteil meiner Rache wird sich auf das Lehrpersonal richten,
denn das sind Menschen die gegen meinen Willen in mein Leben
eingegriffen haben, und geholfen haben mich dahin zu stellen, wo ich
jetzt stehe; Auf dem Schlachtfeld!
In welchem größeren Kontext dieser Passagen stehen wird leider meistens unter den Tisch gekehrt. Es lohnt sich deshalb den Abschiedsbrief komplett zu lesen. Er offenbart: B. war keinesfalls ein durch “Killerspiele” verrohter fanatischer Zombi, sondern ein intelligenter und unsicherer Mensch, schwer enttäuscht von seiner Umwelt, und gescheitert auf der Suche nach ganz banalen Dingen: Wahres Glück, Freunde, Sinn, Individualität, Freiheit und Politik.
Aber dann bin ich aufgewacht! Ich erkannte das die Welt wie sie mir
erschien nicht existiert, das sie eine Illusion war, die hauptsächlich
von den Medien erzeugt wurde. Ich merkte mehr und mehr in was für einer
Welt ich mich befand. Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in
der Schule ging es nur darum.
[…]
Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur
Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft
anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei! Niemand
darf in mein Leben eingreifen, und tut er es doch hat er die
Konsequenzen zu tragen!
[…]
Wozu das alles? Wozu soll ich arbeiten?
[…]
Ich kann ein Haus bauen, Kinder bekommen und was weiss ich nicht alles.
Aber wozu? Das Haus wird irgendwann abgerissen, und die Kinder sterben
auch mal. Was hat denn
das Leben bitte für einen Sinn? Keinen!
[…]
Das Leben wie es heute täglich stattfindet ist wohl das armseeligste
was die Welt zu bieten hat! S.A.A.R.T. - Schule, Ausbildung, Arbeit,
Rente, Tod Das ist der Lebenslauf eines “normalen” Menschen heutzutage.
Man beachte in diesem Kontext auch unbedingt den Unterschied zwischen dem echten Inhalt des Abschiedsbrief, und dem in den Medien veröffentlichten, und mit welcher Genauigkeit sämtlichen gesellschaftskritischen und medienkritischen Elemente daraus verbannt werden - wohlgemerkt ohne darauf hinzuweisen.
Fazit: Ein junger, intelligenter Mensch schießt in blindem Hass um sich, es findet keine ehrliche Diskussion über die Ursachen statt, sondern es wird pauschal ein Sündenbock (Killerspiele) gesucht, und alle Spuren werden schnellstmöglichst verwischt. Fraglos lassen sich gute dafür Gründe finden, letzteres zu tun. Gut möglich immerhin das sich andere anstecken lassen, das ein regelrechter Kult entsteht. Doch sollte man dem nicht viel eher dadurch entgegentreten, dass man die Ursachen ehrlich und sehenden Auges diskutiert und analysiert?
Im Internet fand ich diese Datei. Sie enthält sehr viele der gelöschten Videos, Forenbeiträgen und Fotos sowie den Abschiedsbrief. Möge man sich ein eigenes Bild machen.
Tags: Amoklauf, Bastian, Emsdetten, Medien, Propaganda, ResistantX, SAART, Sebastian, Zensur


3 Responses to “Die Netzwelt des Sebastian B.”
By HC on Nov 29, 2006 | Reply
danke.
By calypso on Nov 29, 2006 | Reply
Bitte