Wahrheit
April 22nd, 2006 | by Lawlita |Wenn wir anerkennen, und der vernünftige Mensch hat keine andere Wahl, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur Wahrheit innerhalb den Regeln eines System, es aber wiederum verschiedene Denksysteme gibt, dann gibt es genausoviele Wahrheiten, die sich ergänzen, übereinstimmen, aber auch widersprechen können.
Dies erkennend müssen wir zugestehen, dass unser Streben, möglichst viel zu lernen, möglichst viel zu wissen, nicht dem Ziel dienen kann, die Wahrheit zu erfahren, sondern nur, zu erkennen, wieviele Wahrheiten es gibt. Deshalb ist alleine die Frage „Was kann ich wissen“ absolut überflüssig. Denn wissen kann ich alles, die Wahrheit, und das wird allgemein fälschlich impliziert, weiß ich deshalb trotzdem nicht, weil sie schlichtweg nicht existiert.
Gedankenexperiment: Ich kenne jede Wahrheit jedes Systems. Ich überlege ob ich einen Mensch töten darf. Ein Mitglied des Systems „Pazifist“ antwortet mit nein. Es sei wahr, dass kein Mensch einen anderen töten darf, unter keiner Bedingung. Ich muss ihm zugestehen: Das ist wahr. Ein Mitglied des Systems „westlicher Rechtsstaat“ antwortet: Nein, prinzipiell nicht, aber im Fall von Notwehr oder im Krieg kann es gerechtfertigt sein.“ Ich muss ihnen zugestehen: Das ist wahr. Diese Liste lässt sich fortsetzen, doch sie offenbart schon ein wesentliches Problem: Ist es wahr unser erstes Mitglied als „Pazifist“ zu bezeichnen? Ist es zutreffend, das Denksystem des zweiten Menschen als „westlichen Rechtsstaat“ zu bezeichnen?
Berücksichtigte ich jede Wahrheit, so ergäbe sich die Problematik, dass ich nicht länger im Stande wäre zu entscheiden, zu sprechen, ja zu denken! Als Mensch bin ich jedoch ebenfalls außer Stande nicht zu denken, nicht zu entscheiden. So ergibt sich alleine aus der Nichtexistenz von absoluter Wahrheit die zwingende Notwendigkeit als Mensch die Wahrheit anderer Menschen zu verleugnen, mindestens aber zu ignorieren.
Der Mensch ist somit unänderbar gezwungen, seine Mitmenschen zu diskriminieren. Diese logisch zwingende Aussage beansprucht allerdings wiederum den Status als Wahrheit absolut zu gelten. Paradox? Nein. Denn ich bin notwendigerweise unfähig zu erkennen, das ich selber gerade nicht vogelgleich über allen Wahrheiten schwebe, sondern selber noch immer verfangen bin in der Unfähigkeit die Relativität der Wahrheit zu erkennen, obwohl ich Eingangs mit der Anerkennung derselben begann.
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