Warum Erbauer von Imperien nie jung sind

August 9th, 2007 | by Lawlita |

Alter ist keine einem Menschen anhaftende Eigenschaft wie die Haarfarbe. Erst im Kontext der Zeit bekommt ein Mensch, eine Sache, ein Gedanke ihr Alter.

Dem üblichen (absoluten) Verständnis nach ist Alter der Zeitraum, den eine Objekt seit seiner Entstehung zurückgelegt hat. Das ist typischerweise jenes Alter, dass wir jährlich, mit zunehmender Wiederholung weniger freudig, festlich begehen.

Daneben gibt es aber noch ein zweites Alter, dass ich als Relatives Alter bezeichnen möchte. Man trifft es an in Formulierungen wie „er ist aber jung geblieben“, oder „sie hat sich gut gehalten“. Auf der einen Seite mag das eine Anspielung auf die äußere Erscheinung sein. Unterschwellig spielen derartige Floskeln aber auf einer anderen, nämlich geistigen Ebene.

Die Entwicklung des Menschen ist die einer Problemlösungsmaschine, die fortwährend Entscheidungen treffen muss.

Stehe ich auf oder bleibe ich im Bett? Esse ich Nutella oder lieber grüne Bohnen mit Zwiebeln zum Frühstück? Fahre ich zur Arbeit oder mache ich blau? Wenn ich zur Arbeit fahre, wie komme ich hin? Bus, Bahn, Auto, Fahrrad? Nehme ich das Auto, muss ich fahren. Schalte ich bei 50 oder 60 in den vierten? Bremse ich progressiv oder degressiv?

Alles Fragen, die man sich jeden Tag stellen müsste, pro und contra abwägen und kritisch bewerten.
Wenn man das aber täte, wäre die Antwort auf die erste Frage eindeutig. Im Bett bleiben.

Deshalb beantwortet man sich die meisten Fragen automatisch. Bestenfalls hat man sich einmal Gedanken um die korrekte Antwort gemacht, und entscheidet von nun an automatisiert. Die Gewohnheit nimmt uns bei bekannten Problemen die Entscheidung ab und wir haben den Kopf frei für bisher unbeantwortete Probleme.

Doch der Automatismus hat auch negative Seiten. Wir fühlen uns nicht nur zunehmend unfrei, fremdbestimmt und von uns selbst gelangweilt, sondern die Gewohnheit ist es auch, die uns altern lässt.

Außerhalb unserer Gewohnheitsmatrix läuft die Zeit nämlich weiter, finden sich neue Erkenntnisse und Argumente und führen andere Menschen, die ein von uns bereits entschiedenes Problem noch zu lösen haben, zu anderen Ergebnissen.

Unsere Entscheidung, die einst nach besten Wissen getroffen wurde, ist veraltet, vom langsam aber kontinuierlich rollenden Zug der Zeit überholt, zurückgeblieben als ein verstaubtes Relikt der Vergangenheit. Frauen gehören an den Herd? Na klar! Ich wähle SPD, die setzen sich für den kleinen Mann ein!

Dies ist der Moment in dem die Alterung beginnt und sich langsam, in winzigen Teilstückchen, vollzieht. So wie das Absolute Alter uns ein graues Haar nach dem anderen beschert, wirft uns das Relative Alter Zentimeter für Zentimeter hinter den Zug der Zeit zurück, bis er nur noch als kleiner Punkt am Horizont erkennbar ist. Zurückgelassen im Gleisbett der Vergangenheit. Oder zurückgeblieben?

Das von mir gezeichnete Bild mag traurig wirken. Es ist es aber deshalb nicht, weil es uns gleichzeitig eine Anleitung an die Hand gibt, dem Relativen Alter zu entfliehen:

Wir müssen den Konflikt mit der Gegenwart suchen und so unsere bisherigen Entscheidungen peu à peu neu reflektieren und treffen. Das erfordert dieselbe unbekümmerte Grausamkeit, mit der ein Kind seine mühsam gebaute Sandburg zertrümmert, einstampft, und neu beginnt. Oder etwas völlig anderes macht. So bleibt man jung, frisch und verliert den Zug der Zeit nicht aus den Augen.

Ein (Sandburg)-Imperium wird man so allerdings niemals errichten.

Tags: , , , , , ,

Verwandte Artikel

Post a Comment